Heute habe ich den frühen Zug wieder bekommen, ja sogar nen Sitzplatz. Ein absoluter Fauxpas ist, dass auf der gegenüberliegenden Seite ganze 4 Plätze von 5 riesigen Koffern belegt ist. Alle Pendler, die durch das Abteil auf der Suche nach einem freien Sitzplatz getrottet sind, haben den Kopf geschüttelt. Bislang kann ich noch nicht erkennen, wer der Besitzer der Koffersammelstelle ist. Sämtliche Koffer sind mit den kleinen Rollen versehen, so dass man sie mühelos hinter sich her ziehen kann.
Gestern habe ich am Hauptbahnhof mal nen Mann erblickt, der den Koffer noch getragen hat. Das ist mittlerweile die absolute Ausnahme. Ein Jeder und eine Jede sowieso ziehen nur noch. Der Erfinder dieser kleinen Rollen wird wohl ein gemachter Mann sein. Ähnlich wie der, der das Klettband erfunden hat. Werde später mal im Büro eruieren, wer die glücklichen sind, grins.
Ob wohl die Frau mit der Seidenbluse, die mir gegenüber sitzt zu der Koffer-Gang gehört? Sie hält eine Kroko-Immitat-Handtasche vor dem Bauch mit beiden Händen fest. Die Finger beider Hände sind nicht beringt. Die schwarz-lila gefärbten Haare im Pagenlook und der zu zusammengekniffene Mund, bei dem man annimmt, das erforderliche Gebiss wurde heute morgen dann doch nicht eingesetzt, lädt auch nicht ein, an eine verheiratete Frau zu denken. Sie steht kurz vor Hanau auf und zieht ihren schwarzen, am Kragen bepelzten Mantel an und steigt wohl gleich aus. Sie hat also der Koffermeute nicht angehört. Gut, dass ich bis zum Hauptbahnhof durchfahren, dann kriege ich auf jeden Fall mit, wer zu den Koffern gehört. Vielleicht sitzen sie ja auch im nächsten Abteil und entgehen so raffiniert den zornigen Blicken? Links neben der Dame sitzt ein Mann mittleren Alters, der wohl, man kann es nicht anders sagen, perfekt durch gestylt angezogen ist. Braune Lederjacke, eine von den wirklich guten. Außen glattes mattes Leder, innen der Pelz. Ocker-beige Breitcordhose, dunkelgrüner Kaschmirschal und auf dem Schoß gehalten, zwei Lederfäustlinge, passend zur Jacke. Nun, die Fäustlinge taugen eher für eine Expedition zum Mount Everest als für die tägliche Zugfahrt, grins. Dennoch, soviel Geschmack sieht man selten! Ich kann ja auch mal etwas positives schreiben, gelle.
Jetzt sitzt ein junger ausländischer Mann gegenüber. Er hat einen dreiviertel langes „Pfeffer und Salz“ Mäntelchen an. Die Hände sind in braunen Thinsulate-Kunstfaser Handschuhen verborgen. An den Handschuhen sind unzählige kleiner Faserknubbels. Da müsste er mal mit seinem Rasier-Apparat ran.
So, die Kofferbande gibt sich zu erkennen. Es sind sechs junge Mädels. Sie saßen eine Reihe vor den Koffern. Iss klar, ne. Diese jungen Dinger machen sich freilich keinen Kopf darum, dass sie den müden Pendlern die Plätze wegnehmen. Ich schätze, sie fahren in den Skiurlaub oder sonst eine Freizeit. Eine von Ihnen zerrt einen Koffer nach dem anderen heraus und übergibt ihn an eine wartende Freundin. Von den Sechsen haben 3 ein Handy am Ohr. Ich fasse es nicht. So, jetzt muss ich auch einpacken

