Heute morgen war es endlich so weit. Ich saß in Blickweite von einem recht sonderbaren Kerl,
Auf dem Bahnsteig sieht man ihn eigentlich gar nicht, so unauffällig steht er da herum. Er hat gewöhnlich eine schwarze Stoffhose und eine schwarze halblange Wollstoff Jacke an. An den kalten Tagen trägt er noch eine schwarze Mütze.
Ein stets glatt rasiertes Gesicht und einen ordentlich gestutzten Schnauzbart. Er hat ausnahmsweise keinen Rucksack auf dem schmalen Rücken sondern eine klassische Aktentasche.
Da saß er nun und hatte seine Wolljacke über die Aktentasche gelegt. Tasche und Jacke hatte er neben sich auf den freien Sitz gelegt. Im Gegensatz zum Wirken auf dem Bahnsteig war er auf seinem Sitz ein Hingucker. Er saß eigentlich nie still. Ständig strich er über seinen dunklen Pullover, der über dem hellblauen City-Hemd wärmte. Er sah immer wieder einen neuen kleinen Fussel, der weg gestrichen werden musste. Auch über die Hose fuhr er zwischendurch. Auch dort fand er kleine unscheinbare Härchen oder Fusselchen.
Plötzlich fiel sein Blick auf die Jacke. Er hatte sie mit dem gesteppten Innenfutter nach außen drapiert. Dort fiel ihm ein loser Faden auf. Das musste ein schlimmes Ärgernis sein.
Er versuchte ihn mal eben weg zu zupfen. Das gelang aber nicht.
Da legte er die Jacke auf seinen Schoß und öffnete umständlich seine Aktentasche.
Dort fingerte er ein kleines Mäppchen aus einer der vielen Innentaschen.
Er klappte das Mäppchen auf und entnahm ein kleines Multi-Werkzeug. So etwas wie ein Leatherman Tool, nur wesentlich kleiner. An dem Tool fächerte er eine kleine Schere heraus und bemühte sich, den losen Faden abzuschneiden.
Entweder war der Faden, trotz seiner unscheinbaren Stärke, aus einem zähen Material oder die Schere war stumpf oder nicht ganz funktionsfähig. Es gelang ihm jedenfalls trotz fortwährender Bemühungen nicht, den garstigen Faden abzutrennen.
Das machte den Mann ganz nervös. Er packte schließlich das Tool wieder ins Mäppchen zurück und das Mäppchen zurück in die Innentasche seiner Aktentasche.
Das er mittlerweile nicht nur meine Blicke auf sich zog, störte ihn wenig. Er war immer noch mit dem Faden beschäftigt.
Er legte die Jacke zurück auf die Aktentasche und wollte das Problem wohl verdrängen indem er interessiert aus dem Fenster schaute. Leider war es draußen noch dunkel und die Ablenkung wollte nicht gelingen.
Erneut fiel der Blick auf den Faden und er schnippte mit seinen Spinnenfingern drohend dagegen.Warum nun die Überschrift? „Der Feind in meinem Bett“? Viele kennen sicher diesen Film, wo ein mieser Kerl seine hübsche Frau nach allen Regeln der Kunst drangsaliert, falls mal ein Handtuch nicht akkurat ausgerichtet ist. Genau so stelle ich mir diesen „unscheinbaren“ Kerl vor. Sein Heim ist sicher super ordentlich. Nichts wird herum liegen oder unordentlich sein. Kein Härchen im Badezimmer und die Küche stets zitronenfrisch.
Zum Glück konnte ich an seiner Hand keinen Ehering erkennen. Dann mag es noch gehen. Alleine darf sich der Mann gerne selbst kasteien wie er mag, solange es keinen anderen trifft.
Sein Kollege im Büro wollte ich auch nicht sein……Irgendwie war ich froh als er endlich seine Habe zusammen klaubte und ausstieg. Er hatte schon etwas gefährliches an sich
(Jürgen Knösch)

